Blue
Preisträger “Heute Wir, Morgen Ihr”, Trude-Unruh-Wettbewerb
2006
Einsame Fußspuren im Schnee.
Gedämpfte Geräusche
verschluckt
vom Schlaf der Stadt.
Ein Schaufenster, ein
Spiegelbild,
eine amorphe Gestalt im Zwielicht.
Schlurfender Gang,
geneigter Kopf,
Augen ohne Glanz, der Blick ziellos.
Die Gedanken
driften ab.
Kopfleere.
Warten auf Linie 8 "Sehnsucht und
zurück".
Nach einem Augenblick, der wie eine Ewigkeit
erscheint,
öffnen sich die Türen.
Er steigt ein.
Nihilismus, Tunnelblick, die
Mitreisenden nicht
wahrnehmend.
Es kam noch nie ein Kontrolleur.
Daher
weiß er nicht, dass seine Dauerkarte hier
keine Gültigkeit besitzt.
Er
starrt aus dem Fenster.
Kopfkino.
Blasse Farben, Schemen, aber kein
Durchdringen
zum eigenen Drehbuch.
Nach 7 Stationen ist Terminus. Das
Haus liegt am
Ende der Sackgasse, Wendehammer für Linie 8.
Ein
einsamer Schlüssel dreht sich im Schloss.
Ein dumpfes Knacken.
Kein
"Hallo", kein Bellen und kein Schnurren.
Nicht mal ein Echo seines eigenen
Schweigens.
Anonymität im persönlichen Nirwana mit Zentralheizung.
Die
Wohnung ist winzig, aber nicht zu klein für Alpträume.
Jeden Tag das
gleiche, fernbediente Ritual:
Talkshow, Krimi, Nonsens
Sinn egal -
Hauptsache keine Stille.
Übertönen, Ablenkung, Betäubung der Sinne.
Droge
egal, nur kein Wein - im Wein liegt die Wahrheit.
Der blaue Rauch des
Vergessens verflüssigt die Zeiger der
Wanduhr.
Doch der Nebel ist noch
nicht dicht genug.
- Oder eine Pille gefällig?
Blau ist auch hier die
Farbe der Wahl.
Von diesen besitzt er gefährlich viele.
Aber es gibt auch
eine rote.
Das Verfallsdatum wird bald ablaufen.
Dennoch hat er sie noch
nie genommen, denn
er weiß, ihre Wirkung ist schmerzhaft.
Doch er muss
sich bald entscheiden,
denn eines Tages wird es an seiner Tür klopfen
-
eine Reise ohne Wiederkehr.
Noch hat er die Wahl: alleine oder zu
zweit...
Francis Craig 2005
